#1

Aussetzen von Zuchttieren – Faunenverfälschung – Pro und Kontra

in Schmetterlinge: Diverses 01.09.2016 21:50
von steffen1978 | 1.139 Beiträge | 27827 Punkte

Hallo zusammen,
in letzter Zeit mehren sich Berichte über „Neufunde“. So erfreulich das im ersten Moment klingen mag, so unerfreulich erscheint es mir nach einer gewissen Nachdenkphase.

Ich bin der Meinung, dass das Aussetzen von Zuchttieren nur in sehr wenigen Fällen sinnvoll ist, denn:

1) Man findet Raupen/Eier/Weibchen an einem Ort, möchte diese züchten um die Entwicklung zu sehen und setzt sie dann DORT wieder aus, wo man die Tiere gefunden hat. Die Zucht mag einiges verändern, da Tiere dann ggf. unter sehr unnatürlichen Bedingungen gehalten wurden und eben Entwicklungen annehmen, die in der Natur womöglich nicht vorkommen (zuchtbedingte zweite Generationen von Tieren, die dann deutlich kleiner und womöglich schwächer sind als die Tiere in freier Natur, Aussetzen bringt dann nix… ganz im Gegenteil!).

2) Zucht um Bestände zu erhalten dürfte nur in den seltensten Fällen etwas bringen… Sterben die Tiere aus, dann ist ein wichtiger Faktor nicht mehr vorhanden. Diesen Faktor ersetzt man nicht durch Zucht.

3) Wenn eine Art sich (leider) verabschiedet, kann es an Bedingungen liegen, die auch natürlich sein können. Ebenso kann das für eine Zuwanderung zutreffen. Bei mir im Garten finde ich nun plötzlich Pieris mannii – die gabs da nie und die hat (recht sicher!) keiner ausgesetzt. Sie kommen, weil genug Leute Schleifenblumen im Garten kultivieren (ich nicht) und weil es scheinbar einen Grund für eine Ausbreitung gibt (Klima etc).

4) Auch das Aussetzen von heimischen Arten 5-10 km vom letzten natürlichen Flugplatz macht nur Ärger – es gehen Leute raus, die Tiere zählen und die wollen NATÜRLICHE Ausbreitungen sehen und keine künstlichen. Funde, die auf Aussetzung beruhen, sind für‘n Arsch! Bei Arten, die eh wandern, mag’s was anderes sein, aber ortstreue Arten gehören nicht durch Gutmenschen überall verbreitet weil sie darauf gerade Lust haben.

5) Es mag sein, dass kein Schaden entsteht… dennoch: Der einzig sinnvolle Schutz für Tiere und Pflanzen ist Lebensraumerhaltung. Alle, die zu viel Energie haben, und meinen, sie müssten überall irgendwas aussetzen, haben nicht verstanden (und wenn’s nur ein häufiger Bläuling ist!), dass sie wesentlich mehr kaputt machen, als sie sinnvolles beitragen. Wenn man zu viel Energie haben sollte, kann man sich im TMD beteiligen, oder aber auch Lebensräume schützen – oder es zumindest versuchen… Der Rest ist aus meiner Sicht dämlicher Unfug..

6) Natürlich kann man Tagpfauenaugen, die man als Raupen vor der Mahd gesammelt hat, auch überall wieder fliegen lassen, denn da wird’s nicht problematisch… Würde man aber eine Million io‘s nachzüchten, könnte es sein, dass die Falter alles belegen was nur geht… und dann finden urticae und levana, atalanta und c-album vielleicht keinen Platz mehr – auch wenn die normalerweise eine sinnvolle „Wärme/Feuchte/Besonnungstrennung“ haben… wenn man es übertreibt, geht selbst so etwas daneben. Ich sage nicht, dass man nichts machen sollte, aber man muss sich immer überlegen, was die Konsequenzen sein könnten – schließlich werfen wir doch vielen Menschen vor, über genau diese nie nachzudenken! Wenn ich dann lese, dass jemand Falter hier, Raupen dort, Eier da hinten und Puppen dort irgendwo platziert hat, dann meine ich, dass diese Person ungefähr genauso viel kapiert hat wie der lustige Stadtbeamte, der den armen Planierraupenfahrer beauftragt um einen Trockenhang eben und baulandtauglich zu machen…

Wir alle wünschen uns am besten alle Tiere und Pflanzen in unserer Umgebung – sonst würde man ja nicht jammern wenn das immer weniger der Fall ist - oder gar auf die Idee kommen, Tiere auszusetzen. Nur: das bringt nix! Dort wo der Lebensraum passt, sollte dieser erhalten werden, dann muss ich nix aussetzen. Dort wo dieser nicht mehr passt, ist Aussetzen gleichbedeutend mit Tiere einfrieren, denn sie gehen eh früher oder später wieder hops – so gut das auch gemeint war. Aussetzen ist was für Träumer – oder für Projekte, die durch Träumer (Professoren an namhaften Universitäten) finanziert werden, die EU Gelder dadurch abgreifen, dass sie vorgaukeln können, etwas Gutes zu tun…

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Ich hoffe auf viele Diskussionen
Steffen


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#2

RE: Aussetzen von Zuchttieren – Faunenverfälschung – Pro und Kontra

in Schmetterlinge: Diverses 02.09.2016 13:51
von Heiko70 | 1.947 Beiträge | 16169 Punkte

Hallo zusammen,

ich möchte mich nun auch äussern zu dem Thema, Steffen hofft ja auf eine Diskussion.

Zuerst möchte ich mal klarstellen, daß ich kein Befürworter des Aussetzens von Faltern bin, die in die Biotope, in die sie gesetzt werden, nicht hingehören. Da ich aber eine Person bin, die immer und ständig nachdenkt und dabei auch manchmal zu detailiert denke, hab ich eine klare (sujektive) Meinung zum Thema.

Es gibt in meinen Augen verschiedene "Sorten" des Aussetzens.

1. Aussetzen um eine Art dort einzubürgern, wo es sie nicht gibt:

Das ist in meinen Augen nicht gut, ja sogar verwerflich. Man fälscht die dortige Fauna und macht eine tatsächliche Bestandsaufnahme unmöglich. Setzt man noch dazu Tiere aus, die mit den dortigen hybridisieren könnten, bedroht man sogar die Population der ansässigen Tiere, vor Allem wenn sie klein ist. Selbst wenn nach vielen Generationen und Jahren die Rasse wieder nahezu "rein" ist, kann es doch passieren, daß die Hybriden selbst sehr schwach, bzw. nicht fertil sind und somit keine weiteren Generationen mehr hervorbringen können.
Gleiches gilt für ein Aussetzen einer Unterart in einem Biotop, in dem eine andere Unterart lebt. Es gäbe Hybriden, die zwar fertil sind, aber eine Forschung der Unterarten und deren Verbreitung, völlig zerstören.

2. Aussetzen weil man zu viel Zuchtmaterial hat:

Dazu hab ich eine geteilte Meinung. Falls ich nun hier, in meiner Umgebung, z.B. S. ligustri aussetze, weil ich grad mal 100 Raupen oder so habe, so sehe ich das nicht schlimm. Ich hatte selbst schon zig ligustri Raupen in meine Ligusterhecke gesetzt und am Schluß waren es gerade mal 5, die ich wieder fand. Die Wespen in meinem Garten, die Vögel und so manche Wanze, haben sich bei mir bedankt. Die übrigen Tiere hatten keinen Einfluß auf die hiesige Population, da zu wenig. Weiterhin ist S. ligustri hier häufig und somit war auch keine Verfälschung der Fauna gegeben, zumal die Raupen von heimischen Eltern stammten.
Ein weiteres Beispiel von mir ist ein Aussetzen von ca. 40 D. nerii. Ich hatte nach einer Massenzucht jede Menge Falter und wollte diese nicht alle präparieren. Meine Tochter hatte nen riesen Spaß, als wir die Falter ausließen. Hierbei handelt es sich maximal um eine temporäre Faunenverfälschung, denn spätestens im Winter ist der nerii-Zauber vorbei. Nachteil war, daß ich den Fortpflanzungstrieb der Tiere unterschätzte und in meinem Dorf plötzlich alle Oleanderpflanzen, die auf den Terassen standen, von "Würmern mit blauen Augen" befallen waren.
Auch kann man es verantworten, wenn man ein oder zwei Tiere aussetzt, die noch dazu gleichen Geschlechts sind und sich sicher mit keiner der ansässigen Art kreuzen können. Ausser für kurzfristige Verwirrung (falls gesehen), werden die für keinen Ärger sorgen.
Falls man jedoch von einer Art wie S. planus zu viele Individuen in der Zucht hat, gilt es, ja nicht auf die Idee zu kommen und diese aus zu setzen. Ich konnte anhand meiner Hybridzucht, die ich mit ocellata machte, feststellen, daß sich die Tiere natürlich verpaaren, die Hybriden dann aber immer schwächer werden, je weiter die Generationen gehen. Also, von solchen Gedanken Finger weg.

3. "Unschuldiges" Aussetzen:

Es gibt Arten, die sich in Europa etabliert haben, obwohl sie da nicht hingehören. Beispiel: Samia cynthia, Antheraea yamamai und auch Hyphantria cunea. Diese Tiere sind aus Seidenzuchten ausgebrochen, bzw. cunea wurde mit Pflanzen eingeschleppt. Alle drei Arten haben es geschafft, stabile Populationen zu gründen, die sich aber auch nicht weiter ausbreiten.
Cynthia ist in Italien und Österreich anzutreffen, hat es aber noch nicht bis über die Alpen geschafft und sich auch nur wenig weiter östlich oder westlich verbreitet. Die Cynthia Population ist mittlerweile so alt, daß sie schon zur eigene Unterart (meines Wissens nicht anerkannt, aber im Züchtermund) geschafft.
Yamamai ist in Teilen Osteuropas, in Österreich und Norditalien heimisch geworden. Wie weit die Art noch expandiert bleibt abzuwarten.
Cunea ist etwas empfindlicher und besiedelt Teile Osteuropas, die deutsche Population ist zusammengebrochen. Offensichtlich ist das Klima hier nicht gut genug, um die Art stabil werden zu lassen.


Im Ganzen muß man erkennen, daß ein Aussetzen mehr schadet als nutzt. Allerdings schaffen es die wenigsten, ausgesetzten Tiere, eine weitere, erfolgreiche Generation zu bilden und noch unwahrscheinlicher ist es, eine stabile Population zu erzeugen. Wenn eine Art nicht vorkommt, wo man sie gerne haben möchte, wird wohl das Klima, das Futter oder sonstige Parameter nicht gut sein, somit wird auch eine ausgesetzte "Population" nicht erfolgreich sein. Es ist schon schwer genug, wenn Wissenschafler und Biologen versuchen eine Art dort wieder anzusiedeln, wo sie mal war und ausgestoben ist. Meist ist dieser Versuch nicht erfolgreich. In anderen Fällen kommen "ausgestorbene" Arten wieder von selbst zurück, wenn denn das Biotop wieder paßt, siehe Cupido argiades in Bayern. Nach über 20 Jahren der Verschollenheit, ist er seit 2009 wieder da und in manchen Jahren echt häufig.

Das reicht nun mal fürs Erste, ich bin gespannt, welche Meinungen sich hier bilden und hoffe auf eine interessante Diskussion.

LG Heiko


Leben ist etwas Seltenes, die meisten Menschen existieren nur. (Oscar Wilde)


zuletzt bearbeitet 02.09.2016 13:56 | nach oben springen

#3

RE: Aussetzen von Zuchttieren – Faunenverfälschung – Pro und Kontra

in Schmetterlinge: Diverses 02.09.2016 21:19
von tippletopple | 715 Beiträge | 20764 Punkte

Liebe Freunde!

Zu den 3 Beispielen "unschuldigen Aussetzens", die Heiko erwähnt, möchte ich folgendes anmerken:

1. Dem Ailanthusspinner ist es egal, wo er lebt, solange das Klima passt und er den Götterbaum verspeisen kann. Dieser wurde florenverfälschenderweise bei uns angepflanzt, wuchert überall, ist aufgrund seiner Verwurzelung in Spalten unausrottbar und stellt mittlerweile ein Riesenproblem dar. In diesem Fall könnte man also sogar sagen, der Falter schadet der heimischen Natur nicht, er hilft im Gegenteil einen Eindringling aufzufressen.
In Österreich ist er hauptsächlich in Wien im dichtverbautem Gebiet anzutreffen (gewesen??, es gibt keine Funde mehr aus den letzten Jahren), wo die kleinen Hinterhöfe mit ihren Götterbäumen durch die Wärme der Zinshäuser im Winter geschützt sind und es kaum Wespen und Vögel dort gibt, die die Raupen dezimieren.

2. Yamamai lebt an einem heimischen Baum, der Eiche, ist also futtermäßig kein Problem. Er hat eine natürliche Nordgrenze (klimabedingt?) und hat seine biologische Rolle mittlerweile als Demo-Objekt in Schulen gefunden. Ich kenne bereits mehrere Schmetterlingsfreunde, die den Schulkindern anhand der anschaulichen Raupen die Lebensweise der Schmetterlinge nahebringen.

3. Cunea breitet sich sehr wohl langsam aus, ist mittlerweile in Ungarn zu finden, ebenso in Norditalien und sogar hier in der Steiermark hab ich eine Raupe gefunden. Ein Problem stellt er wohl einstweilen nur für die Hobbygärtner dar, da er die Traubenkirsche etwas unschön "vergespinstet".


Zur "Faunenverfälschung" möchte ich sagen:

Der Mensch betreibt sie seit jeher! Indem er Wälder gerodet hat, freie Flächen schuf, entwässert und und und...
Eine Schmetterlingsart ist NICHT immer dort gewesen, wo wir sie vielleicht vor 50 Jahren fanden und heute nimmer finden. Die Natur ist niemals statisch!

Wenn eine Kuh mit ihrem Huf ein Stück Almboden aufreißt, kann diese Störstelle was Neues in Gang setzen, eine neues Pflänzlein kriegt eine Chance und somit letztlich auch vielleicht ein neuer Schmetterling, falls ihm die Pflanze ins Konzept passt. Vielleicht ist er der erste seiner Art dort auf der Alm.
Ist dies Faunenverfälschung?

Wenn wir Menschen ein paar Raupen auf Stellen aussetzen, wo wir glauben, dass sie eine Überlebenschance haben, laufen wir angeblich Gefahr, Faunenfälschung zu begehen? Warum das? Weil wir keine Kuh sind und das nicht unbewusst machen? Wir sind doch auch ein Teil der Natur!

Wir haben erkannt, dass die meisten Schmetterlingspopulationen rapide zurückgehen und wir wissen auch, dass eine Insellandschaft entstanden ist, die die letzten Vorkommen immer weiter isoliert. Wir wissen, was Inzucht bewirkt und da ist es doch naheliegend, wenigstens künstlich für einen gewissen Austausch zu sorgen. Oder gewisse Pflanzen bewusst zu fördern und andere einzudämmen.

Tiere nur deshalb nicht auszusetzen, damit die Zählungen der sogenannten "natürlichen" Ausbreitungen stimmen, halte ich für nicht angebracht.
Man sollte es zumindest auf sinnvolle Weise immer wieder versuchen, auch wenn die Chancen, den Rückgang der Arten zu bremsen, sehr oft gering sind. Das liegt aber auch an der zu geringen Kenntnis, wie die Art in der Natur überlebt.

Grüße
Chris



zuletzt bearbeitet 02.09.2016 21:33 | nach oben springen

#4

RE: Aussetzen von Zuchttieren – Faunenverfälschung – Pro und Kontra

in Schmetterlinge: Diverses 03.09.2016 00:27
von steffen1978 | 1.139 Beiträge | 27827 Punkte

Hallo Chris und Heiko,
da kommen ja ein paar Dinge zusammen, somit ist mein Ziel, eine offene und diverse Diskussion zu erreichen, ja wunderbar angenommen worden

Ich möchte vielleicht noch ein paar Dinge ergänzen, die mich zu meinem Beitrag veranlasst hatten: Es gibt Falter, etwa Minois dryas, die lokal auftreten. Bei mir "um die Ecke" fallen mir als Orte das Donaumoos, die Brenne in Dietersheim, die Isarauen und das Alpenvorland ein. An all diesen Stellen ist Minois dryas in guten Jahren zu finden, teilweise häufig. In der Brenne und im Donaumoos kann man zur Hauptflugzeit in einer Stunde sicher 60 oder mehr Falter sehen. Wenn nun solche Falter plötzlich nach 50 Jahren ohne Funde irgendwo auftauchen, dann muss etwas passiert sein. Denkbar wäre eine Ausbreitung. Nur, wenn die nächste Flugstelle weit entfernt ist, und "dazwischen nichts ist", ist eine Ausbreitung weniger denkbar als ein "Ansiedlungsversuch", der gut gemeint aber eben nicht gut gemacht wurde. Warum seh ich das so? Ich meine, wenn es ein Gebiet gibt, in dem eine lokal auftretende Art noch häufig vorkommt, dann ist es wichtiger, zu versuchen, die Art dort zu halten, als sie irgendwo auszuwildern, wo es diese Art nicht gibt (vielleicht über eine lange Zeit nie gab, soweit Daten vorliegen). Oder seh ich das falsch? Das zu schützen, was noch da ist, muss der Fokus werden! Alles andere kann man überlegen, wenn man das erst mal geschafft hat.

@Tipple: Ja, Du hast recht, die Menschen haben schon immer Faunenverfälschung betrieben, denn ohne Flora und Fauna zu verfälschen wäre die Frankenalb ohne die ehemals vorkommenden wildlebenden Tieren ein Wald (zumindest zu einem großen Teil). Ob man nun durch Jahrhunderte oder gar Jahrtausende etwas verfälscht hat, mag ich nicht beurteilen, da es vor Jahrhunderten und Jahrtausenden noch ganz andere wildlebende Tiere gab, die damals "natürlich beweidet haben"... Ich war nicht dabei, sah nie wie es damals aussah, kann es also nicht beurteilen. Stand heute ist: diese wildlebenden Tiere sind weg. Beweidet keiner (klug), ist das bald ein Wald - dann sind die Schmetterlinge weg. Ob das nun richtig oder falsch wäre, darf jeder gern selbst bewerten.

@Heiko: Klar, ein Ligusterschwärmerüberschuss macht die Welt nicht kaputt - ist eh ein überall vorkommender Falter (wenn auch sicher nicht überal in Masse!). Der kommt sogar in der Stadt - etwa in München - nicht selten an den Balkon, wenn man eine Lampe im Zimmer brennen hat, also dürfte er "eh vorkommen". Ich meinte, dass es Unsinn ist, einen Spezialisten, der eben weder zu Deinem Balkon kommt noch zu meinem, dort auszusetzen, denn lang kommt er dann dort nicht vor, da der Lebensraum "Balkon" vermutlich nicht für alle optimal sein dürfte?

Was Du aber mit diesem Satz sagen wolltest, verstehe ich ehrlich gesagt nicht ganz, er ist so voller Widersprüche, dass ich einfach mal nachfrage: "Da ich aber eine Person bin, die immer und ständig nachdenkt und dabei auch manchmal zu detailiert denke, hab ich eine klare (sujektive) Meinung zum Thema. "? Das musst Du mir erklären :-)

Egal, bei einer Sache sind wir uns wohl einig: Ist der Lebesraum erst mal ruiniert, stribst sichs auch ohne Aussetzer ganz ungeniert. Die Frage, die Tipple in den Raum geworfen hat, ist aber interessant: Was ist heute ein Lebensraum? Einer, den ich künstlich aufrecht erhalte, weil es die natürliche Aufrechhterhaltung (nach Eingriff) nimma gibt, oder einer, den ich sich selbst üerlasse? Ich bin da noch immer unentschlossen, da wir ja, wie Tipple sagt, Teil der Natur mir ihrer Verfälschung sind... Schweres Thema, mal sehen was nich so alles kommt^^

Gruß
Stetfen


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#5

RE: Aussetzen von Zuchttieren – Faunenverfälschung – Pro und Kontra

in Schmetterlinge: Diverses 03.09.2016 08:50
von Heiko70 | 1.947 Beiträge | 16169 Punkte

Guten Morgen Steff,

mit diesem Satz wollte ich aussagen, daß ich durch das Nachdenken auf eine Meinung komme, die ich nicht unbedingt mit Jedem teile.

Wir haben schon mal diskutiert über dieses Thema, am Telefon.
Genau wie Tipple kam ich damals darauf, daß beispielsweise ein Trockenrasen, hier bei mir, völlig wider der Natur ist. Wenns nach dem natürlichen Lebensraum ginge, hätten wir hier in meinen Breiten, dichte, kaum durchdringliche Mischwälder. So wie die Römer sie vorfanden, als sie Bayern erobern wollten.
Erst durch das Urbarmachen des Gäubodens, wurden die Wälder zur Gänze gerodet und somit eine Megalebensraum zerstört.
So gesehen dürfte ich weder einen Magerrasen hier unter Schutz stellen, noch den Erhalt von Faltern wie etwa P. machaon fördern. Das ist eine persönliche Meinung von mir. Allerdings ist es nun mal so, wie es ist. Die Leute damals dachten weder an Naturschutz, noch daran, daß sie die Fauna und Flora verfälschten.

Gegen eine natürlich Ausbreitung ist nichts zu sagen, sie geschiet ja natürlich, also ohne unseren Eingreifens. Möglicherweise entsteht sie aber durch unser indirektes Eingreifen, wie bei der Kuh, die nen kleinen Lebensraum schafft mit ihrem Huf. Also ist es so gesehen egal was wir machen, wenn da nicht das Hirn wäre, daß wir haben, aber die Kuh ned.
Wir sollten uns Gedanken machen, über die Eingriffe die wir machen. Der Natur is egal, das is ganz klar. Die Natur, also Fauna und Flora, hat sich seit eh und je so eingerichtet und angepasst, wie es nur irgend möglich war. Auch diesmal wird das so sein. Tipple hat da ganz recht, dem Falter is eh Wurscht wo er lebt.

Trotzdem bin ich der Meinung, daß es der Natur überlassen werden sollte, wo die Tiere auftauchen, nicht von uns gefördert werden sollte, durch Besatz.

Daß die von mir genannten Beispiele die Natur nicht stören oder gar schaden, weiß ich, hab ich in einem anderen Forum gerade aktuell auch geschrieben, aber dennoch gehören sie halt nicht hier her.

NG Heiko


Leben ist etwas Seltenes, die meisten Menschen existieren nur. (Oscar Wilde)


zuletzt bearbeitet 03.09.2016 08:53 | nach oben springen

#6

RE: Aussetzen von Zuchttieren – Faunenverfälschung – Pro und Kontra

in Schmetterlinge: Diverses 03.09.2016 16:26
von hall | 1.060 Beiträge | 7257 Punkte

Hallo zusammen,

ich finde daß das Thema Faunenverfälschung ein viel geringeres Problem ist als der Biotopschutz. Durch den immer stärker werdenden Bodenverbrauch werden die Lebensräume immer kleiner und isolierter sodaß oft kein Genaustausch mehr stattfinden kann und die immer schwächer werdenden Populationen aussterben.
Das Aussetzen von Zuchtmaterial wird diesen Prozeß nicht stoppen können. Das von einigen Biologen geforderte "Vernichten" von überschüssigem Zuchtmaterial
wiederspricht mir persönlich sehr. Jeder Züchter steht manchmal vor dem Problem mehr oder weniger viele Raupen, Falter und auch Eier auszusetzen. In den allermeisten Fällen hat das überhaupt keine Auswirkungen auf die Natur. Fast alles ist letzten Endes Futter für Vögel und Raubinsekten. Um eine stabile Population aufzubauen müßte man schon sehr große Mengen aussetzen und die Habitate müßten auch dementsprechend günstig sein.
Die bekannten "Einwanderer" wie Antheraea yamamai, Samia cynthia usw. haben sich nur wegen wirtschaftlichen Interessen (Seidenzucht, Pflanzenimporte) in Europa ansiedeln können.

Leider werden oft vom Menschen unbewußt geschaffen Biotope wie aufgelassene Steinbrüche, Bahndämme, Straßenböschungen und aufgelassenes Fabriksgelände zu wenig beachtet und diese "Natur aus zweiter Hand" durch übereifrige Gemeindearbeiter und diversen Freizeitaktivitäten wieder beeinträchtigt.
Gerade hier entwickelt sich oft erstaunlich viel Tierleben und auch Pflanzenbestände.

Werner



zuletzt bearbeitet 03.09.2016 16:27 | nach oben springen

#7

RE: Aussetzen von Zuchttieren – Faunenverfälschung – Pro und Kontra

in Schmetterlinge: Diverses 03.09.2016 23:00
von steffen1978 | 1.139 Beiträge | 27827 Punkte

Hallo Heiko und Werner,
ich denke, das Thema geht nun in eine andere, vermutlich aber wirklich wichtigere Richtung. "Falsch ausgesetzte Tiere" sind in erster Linie Tier-Futter, in seltenen Fällen werden sie ins Ökosystem eingreifen und dieses möglicherweise auch nachhaltig verändern. Was das Thema Lebensraum angeht, merke ich dass zwei "Haupt-Schienen" besprochen werden. Diese lauten vereinfacht gesagt:
1) Ich mache eine Momentaufnahme, also ein Foto von heute. Ich vergleiche es mit einem Foto vor 10, 20, 50 100, 1000 Jahren. Dann sage ich, ich nehme die Natur vor 10, 20, 50,... Jahren als "unsere Flora und Fauna" an. Wenn ich das tue, dürfte die Bilanz für heute lauten: Die Natur wurde in sehr weiten Teilen stark beeinträchtig, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Das einzige, was wir recht sicher sagen können, ist, dass die Schmetterlinge (aber auch sehr viele andere Tiergruppen) vermutlich durch die intensive Landwirtschaft, durch Urbanisierung, Strassenbau, Forstwirtschaft, Freizeitdinge und vieles weitere laut Daten (die ich nicht beurteilen kann) weniger werden. Man könnte nun sagen: Dann haben wir etwas falsch gemacht!?
2) Jetzt machen wir es noch ein wenig natürlicher und gehen weiter in diee Vergangenheit: Die Frankenalb war vor 150 Millionen Jahren ein offenbar recht warmes Urmeer. Alles, was es heute dort gibt, gab es so recht sicher nicht. Ob die Frankenalb jemals ein Wald war, kann ich nicht sagen, denkbar ists, aber in den letzten 1000 oder mehr Jahren war sie es wohl nicht, denn erst haben Wildtiere (gibts schon länger nicht mehr) die Hänge bewohnt und offen gehalten und seit wohl gut 1000 Jahren waren es Schäfer. Nun kann ich fragen: Was war falsch? Die Wildtiere zu schiessen oder zu vertreiben oder zu domestizieren (Schafherden + Schäfer sind ja keine "Urnaturprodukte") oder das Beweiden oder das in den letzten Jahren begonnene "Aufhören oder Intensivieren des Beweidens" mit dem Ergebnis, dass sich etwas ändert. Entweder es wächst alles zu oder es ist nix mehr da - beides scheint nicht gut zu sein... Nehmen wir ein konkretes Beispiel, den Apollofalter. Laut historischen Daten (sagen wir 100 Jahre) gab es auf der Frankenalb sehr viele Flugorte (ob 20, 30 oder 50 ist egal). Heute leben die Tiere in Steinbrüchen und an Autobahnlinien, Bahndämmen und Abraumhalden, aber nicht mehr an sog. "natürlichen" Flugstellen. Man könnte sagen: Menschen haben diese Plätze erschaffen, also sind sie nicht natürlich, daher kann man sie der Natur nun auch wieder überlassen. Das Ergebnis wäre, dass die Halden (und auch alles andere) recht schnell verwalden, denn selbst Steinbrüche wachsen schnell mit Weiden, Kiefern, Büschen zu. Würde man das akzeptieren, dann wären die Falter weg. Akzeptiert man es nicht, muss man, da man die natürlichen "Entwalder" längst nicht mehr hat, etwas tun. Das klingt paradox! Um etwas natürliches zu erhalten muss ich unnatürliche Plätze schaffen weil ich der natur die Möglichkeit genommen habe, diese Plätze selbst zu schaffen. Und schon (puhhh, langer Weg^^) sind wir da, wo ich gerne hin wollte. Was ist ein "natürlicher" Lebensraum? Was sind "natürlich dort vorkommende Tiere und Pflanzen"? Wenn man nicht auf Berge kraxelt, dürfte man nur noch wenig natürlichen Lebensraum finden, oder? Wenn man alles sich selbst überlassen würde (Gedankenexperiment: es gibt plötzlich keine Menschen mehr), dann würde der Apollo in der Frankenalb schneller aussterben als sich Bären, Wildpferde, Schafe und was weiß ich da wieder ansiedeln. In den Bergen würde es der Falter vermutlich aber schaffen. Nur: Wo kam der Falter denn her? Wenn alles Wald ist, hätte er nie dorthin kommen können.

Ich denke, man kann da vom hundertsten ins tausendste kommen und findet keine allgemein gültige Antwort. Für recht sicher erscheint mir, dass das Schaffen winziger Insellebensräume auf Dauer zu wenig sein wird. Ob das dann ein "natürliches Aussterben" oder eben kein natürliches Aussterben mit sich bringt, mag ich nicht beurteilen. Wir Menschen brauchen den Apollofalter genau genommen nicht - der gibt weder Milch noch trägt er sonst zu unserem Leben bei. Dennoch muss man ein Bewustsein entwickeln, dass die Natur von sich aus nichts mehr "reparieren kann", zumindest nicht kurzfristig. Was weg ist, ist weg, kann wieder kommen, aber kann auch 1000 Jahre dauern, oder nie passieren.

Wir Menschen haben viel in der Hand. Wir sind zwar auch nur ein kleiner Teil der Natur (und sicher auch nur temporär auf der Erde, gemessen am Erdzeitalter), aber wir sind die ersten "Tiere", die problemlos Hektar um Hektar Wald roden können, riesige Moorgebiete trocken legen können, Wiesen in Felder verwandeln können, Schotterebenen in Millionenstädte wandeln können. Noch kein anderes Lebewesen konnte das. Wir können sogar machen, dass es regnet, dazu müssen wir nur "oben bissi impfen und schon geht das". Es ist mir offen gesagt egal, ob hier alles Wald oder Wüste wäre, wenn vor 5000 Jahren die Menschen nicht angefangen hätten, dies oder das zu tun. Ich sehe, oder glaube zu sehen, dass die Natur nicht mehr von alleine in der Lage ist, einen Status zu erhalten, den sie vor 50 Jahren hatte. Ob es naiv, dumm, oder gar falsch sein mag, kann ich nicht sagen, aber ich glaube auch nicht, dass "nichts tun" richtig ist. Genauso wenig glaube ich, dass Schnellschüsse wie "ich siedle mal hier und da was absichtlich für ne Saison wieder an", einen Erfolg bringen werden. Allerdings bin ich der Meinung, wenn jemand Brahmaspinner züchtet, und sie nicht "killen" will, sollte er/sie sie auch nicht frei lassen. Ob die Tiere draussen sterben, weil sie nun mal nicht hier her gehören, oder ob sie in einem Flugzelt leben, dürfte für die Tiere fast egal sein. Alles Gezüchtete "zu vernichten" finde ich allerdings auch lächerlich, denn wenn ich ne Raupe finde, die einen Falter ergibt, warum sollte ich den "vernichten müssen", nur weil dieser in Zucht aufgewachsen ist? Es sind immer viele Parameter, die man beachten muss - eine einfache Regel wirds wohl nicht geben.
Viele Grüße
Steffen


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