#1 Extreme Makrofotos mit Mikroskop-Objektiv und Motorschlitten - eine Gaudi für den Winter von steffen1978 27.10.2018 22:12

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Hallo zusammen,
seit einigen Jahren fotografiere ich Schmetterlingseier mit einer "Selbstbaukonstruktion" aus Zwischenringen, nem Umkehrring und einem alten Weitwinkelobjektiv (ausführliche Darstellung findet man hier: http://www.entopedia.info/html_wissenswe...afie_retro.html). Manchmal ist das Ergebnis brauchbar, sehr oft aber nicht. In letzter Zeit habe ich begonnen, nicht nur ein Bild (abgeblendet auf Blende 16 ca.) zu machen, sondern eine Serie in unterschiedlichem Abstand vom Objekt offenblendig (f/2.8) anzufertigen und dann in einer sog. Stacking-Software zu verrechnen (Beispiel dazu: g9562p34848-Catocala-optata.html). Das geht, allerdings ist die überaus geringe Schärfentiefe ein Problem, denn mit handgehaltenem Fotoapparat wackelt das Objekt (also das Ei) oft wie ne Fahne im Wind.
Seit langem schon wünsche ich mir da eine etwas bessere Methode - diese existierte auch schon lange - jedoch war sie wegen der hohen Kosten von recht deutlich mehr als 1000 Euro für mich für eine solche Spielerei schlicht zu teuer...
Nun, mittlerweile geht das durchaus günstiger! Ich habe mir einen per Computer steuerbaren Makroschlitten (kleinste Schrittweite 0.6 Mikrometer) und zwei günstige Mikroskop-Objektive (4X und 10X) geleistet und gestern zum ersten mal erprobt. Der Aufbau am Küchentisch sah wie folgt aus (echt gutes Handy-Bild ;-)):


Die Kamera ist auf dem NC Schlitten montiert. Als "Tube-Lens" verwende ich mein 150er Sigma, davor per Adapter in diesem Fall das 10X achromatische Mikroskop-Objektiv. Versuche mit dem Nikkor 55-300 ED waren nur bedingt brauchbar. Das 150er Sigma schlägt sich weit besser.
Vom Laptop aus steuere ich den Schlitten und die Kamera. Als Licht verwendete ich zunächst ne LED Taschenlampe...
Was stellte ich fest? Wenn sich im Haus ein Mensch bewegt, wackelt der Küchentisch (sehr leicht - aber das ist schon Zuviel)… Dazu ist das Licht nicht gut... zu hart, einseitig, und eigentlich auch zu dunkel.

Also neuer Aufbau - im Keller und mit mehr Masse:

Da ich den Aufbau nicht am Boden vornehmen wollte (ist recht unangenehm, da ewig lang am kalten Steinboden zu fummeln) habe ich mir - Achtung: Nostalgie! - nein, keine Sepultura-Kutte, sondern eine echte 4X12 Marshall Box als Unterlage genommen. Darauf ne Luftpolsterfolie, darauf ein Brett, darauf Granitsteine... Tja, was soll ich sagen, es tut schon etwas besser. Immerhin schwingt es kaum noch.

Als nächstes habe ich mal einige Tests gewagt und zur Beleuchtung 3 funkgesteuerte Blitze genutzt. Erprobt habe ich sowohl das 4X als auch das 10X, wobei letzteres nur bei wirklich kleinen Dingen relevant wird. Nachfolgend zeige ich ein paar Bilder (die bei mehrfachem Anklicken zum Teil richtig groß werden und nur dann auch zeigen, was sie beinhalten oder auch nicht):


Grüne Schmeißfliege (4X) Stubenfliege (4X)



Hornisse (4X) Honigbiene (4X)



G. aprilina Schuppen (10X) G. aprilina Schuppen (15X)



T. betulae (9X)


Die Erzeugung der Bilder erfolgt dann wie folgt: Man setzt die Beleuchtung und wählt eine Anzahl an Schritten für den NC Schlitten und damit die Anzahl an Einzelbildern. Für die oben gezeigten "Werke" habe ich je zwischen 60 und 120 Einzelbilder benutzt. Diese werden erst einzeln oder las Stapel bearbeitet (also hinsichtlich Helligkeit usw. verbessert) und kommen dann in Picolay, dem Stacking Programm. Das Ergebnis wird zugeschnitten und wieder bearbeitet. Man erkennt an einige Bildern noch deutliche Schwachstellen und auch viele Fehler, aber für Erstlingswerke sind se ganz zufriedenstellend.

Ich werde hier weiter berichten, was man damit noch so alles anstellen kann und welche Erfahrungen ich mit unterschiedlichen Zusatzteilen mache :-)

Schönes Wochenende und "angenehme Zeitumstellung".
Steffen

#2 RE: Extreme Makrofotos mit Mikroskop-Objektiv und Motorschlitten - eine Gaudi für den Winter von Manfred 28.10.2018 09:19

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Hallo Steffen,

danke für den tollen Bericht.
Was du uns hier zeigst ist einfach genial, ich bin begeistert.
In Zukunft können wir bestimmt auf tolle Bilder hoffen.

LG Manni

#3 RE: Extreme Makrofotos mit Mikroskop-Objektiv und Motorschlitten - eine Gaudi für den Winter von Heiko70 28.10.2018 11:48

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Es gibt eigentlich nur ein Wort für deine Arbeit Steff. Phantastisch!!!
Vielen Dank für den Bericht. Ich versteh zwar nur die Hälfte, aber das is ok.

NG Heiko

#4 RE: Extreme Makrofotos mit Mikroskop-Objektiv und Motorschlitten - eine Gaudi für den Winter von steffen1978 30.10.2018 00:30

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Liebe Freunde und Fotoenthusiasten,
Ihr habt schon im ersten Beitrag gelesen, dass ich diese Technik gerade erst anfange und daher viele Dinge, etwa diverse Software zur Erstellung dieser Bilder, auch für mich völlig neu sind. Wie jeder Anfänger nutze ich also alle Teile der Kette (vom Objektiv bis zum fertigen Foto) gänzlich ohne Erfahrungen.
Für diese Art der Fotografie (und ich komme nachher nochmals darauf zurück, ob das noch "Fotografie" ist) brauchts aber Erfahrung, oder wenigstens Erprobung... Der Grund ist einfach: Genau wie in der Freilandfotografie, die ich bevorzuge, muss man mit dem gegebenen Equipment erst mal lernen, richtig umzugehen.
Ich gebe ein Beispiel:
Horst Apfel (erfundener Name) hat eine Kompaktkamera. Er (oder Sie, dann die Horsti) macht damit Bilder im jpg Format. Horst hat entweder nix eingestellt, oder vielleicht "brillant". Was macht die Kamera? Sie macht NICHT das Bild, das Horst anvisiert und geschossen hat. Bei weitem nicht! Sie macht das Bild, welches ein Sensor in Form von EV aufgezeichnet hat und bearbeitet es intern so, wie der Kamera-Hersteller es wollte, bzw. so, wie man eine Einstellung "neutral, brillant, schlag mich tot" vorgenommen hat. Nimmt man keine vor, oder kann keine vorgeben, macht die Kamera das, was der Hersteller gewählt hat. Nun will Horst/i "bessere" Fotos machen, er/sie kauft eine "bessere" Kamera. Die Bilder, die er bekommt, sind alle Müll. Liegt das nun an Horst/i? Ja, sicher auch... ABER: Es liegt evtl. auch daran, dass Horst/i zum ersten mal genau das sieht (oder zumindest nahe an dem), was die Kamera eigentlich aufgenommen hat. Kaum Schärfe, wenig Kontrast, falscher Weißabgleich, usw usw. Hat Horst/i etwas falsch gemacht, oder ist gar die Kamera schlecht? Nein! Horst/i ist nämlich gewohnt, dass die Kamera intern schon einen Berg an Optimierungen vornimmt, die er/sie gar nicht mitbekommt. Erst wenn diese nicht mehr da sind, fällt Horst/i auf, dass das Bild ja echt nicht gut ist...

Natürlich wird das irgendwann mal eine relativ einfache Sache. Wenn ich 10 Objektive gleicher Brennweite am selben Body erprobt habe, kann ich schnell sagen, welches bevorzugt werden sollte, bzw für gewisse Anwendungen einfach überlegen ist. Auch da spielt immer ein subjektives Empfinden rein, aber im groben werden von 100 Nutzern 80 auf ein vergleichbares Ergebnis kommen. Warum? Ganz einfach: die Nutzer haben alle etwa gleich viel Erfahrungen und können daher auch etwa vergleichbar bewerten.

Was die Mikrofotografie angeht habe ich meine erste Erfahrung am Freitag (also vor gut 3 Tagen) gemacht. Ich muss also alles (von der Optik bis zur Mechanik und zur Bildbearbeitung) völlig neu lernen und vor allem selbst erfahren. Nachlesen im Internet ist gut, ersetzt aber keine eigene Erfahrung. Ich kann ja auch nicht Auto fahren, nur weil ich ein Handbuch gelesen habe und ich kann keine schwer zu züchtenden Schmetterlinge züchten, nur weil ich einen Zuchtbericht gelesen habe.... Lesen hilft, aber es ersetzt die eigene Erfahrung nicht, egal worum es sich handelt.

Nachdem ich nun wirklich ausführlich viel blabla geschrieben habe, will ich langsam auf den Punkt kommen:
Meine ersten Versuche mit dieser Technik am Samstag waren für mich ein Erlebnis! Am Sonntag wollte ich es "besser" machen, mit vielen Anleitungen und Hinweisen aus dem Internet. Ergebnis: NUR Schrott. Warum? Weil die Hinweise alle falsch sind? Nein, weit gefehlt. Die Hinweise kommen von Leuten, die das seit vielen Jahren sehr viel besser machen als ich es im Erstversuch geschafft habe, die die optischen Komponenten besser versehen als ich das derzeit tue, und die auch in der Bearbeitung sehr viel mehr Erfahrung haben. Wenn Schrott raus kommt, liegts an meinen Fehlern, die ich erst verstehen und dann verbessern muss.


Ein Punkt, damit auch noch ein Bild in diesem Beitrag kommt, ist die Software zur Verrechnung der Einzelbilder. Ich hatte das kostenlose Programm "Picolay" genutzt. Von den zahlreichen Einstellungsmöglichkeiten habe ich keinen Gebrauch gemacht, sondern die "Basis-Einstellung" genommen. Dies habe ich in den letzten 2 Tagen auch mit "Combine ZP" und den Demoversionen von Zerene Stacker und Helicon Focus gemacht. Ergebnis: Es braucht Erfahrung!

Ich konnte zum Beispiel ein super Ergebnis mit dem ebenfalls kostenlosen Programm "Combine ZP" für die kleine Stubenfliege erreichen, welches so in den Basiseinstellungen mit den anderen Programmen nicht erreicht wurde (fehlende Erfahrung in der jeweiligen Parametereinstellung?!). Das Bild füge ich hier an:



Diese Bild, anders beschnitten und mit einer anderen Software verrechnet, hab ich im Beitrag zuvor schon gezeigt... Das Ergebnis war deutlich schlechter.

Bei dieser Art der Fotografie spielt also auch die Software eine große Rolle, bzw. deren "passende" Anwendung. Das ist nun nicht verwunderlich, da das auch für jede Kamera gilt, die ohnehin ein jpg als Bild ausspuckt - im Gegensatz zu einem raw Bild.

Jetzt die Frage: Ist es noch Fotografie, wenn ich alle Bilder von einem computergesteuerten Makroschlitten machen lasse, wobei die Kamera ja auch selbst auslöst (auch Computer), dazu Blitze funkgesteuert werden, dann alle Bilder per Stapel nachbearbeitet und schließlich in einer "uneinsichtigen" Software verrechnet werden müssen? Tja, da mag sich jede(r) selbst eine Meinung bilden. Ich denke ja, es ist noch Fotografie, denn wenn ich die Beleuchtung nicht super wähle, nicht das Gefühl für die geeignete "Objekt-Positionierung habe" (die Tiere sind alle tot, vom Dachboden am Fenster aufgelesen), dann kommt da überhaupt nix raus. Technik ist viel, aber ein Taschenrechner rechnet allein bekanntlich auch nichts aus...

Unabhängig davon bedanke ich mich bei allen, denen mein Beitrag gefallen hat - ob sie ihn nun bewertet haben oder nicht, spielt keine Rolle.

Ich werde weiter tüfteln, denn neben der alljährlichen Suche nach Eiern und Raupen im Winter (siehe sehr viele Beiträge hier im Forum!) bin ich einfach jemand, der gerne diverse fotografische Erfahrungen sammelt ;-)

Schöne Grüße
Steffen

#5 RE: Extreme Makrofotos mit Mikroskop-Objektiv und Motorschlitten - eine Gaudi für den Winter von tippletopple 31.10.2018 12:43

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Steff, die Bilder sind jetzt schon super!
Ich überlege grade, wie man diese präzisen Darstellungen praktisch anwenden kann...

1. Du hast schon sehr gute Eierbilder geliefert, die werden jetzt noch besser werden und somit auch die Determination für uns alle leichter.
2. Fühler! Oft sind`s die Antennen, deren Beschaffenheit ähnliche Arten auseinanderhalten kann. Dasselbe gilt auch für Dornen an Beinschienen etc.
3. Geschlechtsbestimmung bei Puppen, das weite Feld der Genitalbestimmung überhaupt (beispielsweise bei den drei ähnlichen momentan fliegenden Arten Epirra christyi, E.delutata bzw. E.autumnata, die auch ein Anfänger erkennen kann).
4. Schuppenform: Bestimmungshilfe bei Erebien ...

Es gibt sicher genug Interessantes zu finden, wenn man die kleine Welt, deren Dimension unterhalb unseres normalen Blickfeldes liegt, derart präzis abbilden und zeigen kann.

Also viel Vergnügen und Ausdauer beim Tüfteln!

Grüße
Chris

#6 RE: Extreme Makrofotos mit Mikroskop-Objektiv und Motorschlitten - eine Gaudi für den Winter von steffen1978 02.11.2018 23:09

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Hi Chris,
ja, da sind ne Menge guter Ideen dabei! Im Moment versuche ich noch einiges an Fehlern zu beheben und die letzten Tage und Nächte kam (durch einen kuriosen, nicht einfach zu entdeckenden Fehler bei mehreren Blitzen) nur noch Müll raus.
Nun, ich hab den Fehler entdeckt und biete fürs erste mal an, was ohnehin mein Hauptziel ist: ein paar Schmetterlingseier ;-)
Anbei nun eine Foto- und Fundauswahl von gestern (Anklicken macht wie immer das, was unsere Vorschau nicht kann - nämlich scharfe Abbildungen!):


Satyrium l-album, gefunden an blühfähiger Feldulme, Endknospe, Deutschland, Bayern, südl. Frankenalb, Umgebung Demling, 1.11.2018.


Favonius quercus, gefunden an Stieleiche, dieses Jahr sehr viel parasitierte Eier(!), Deutschland, Bayern, südl. Frankenalb, Umgebung Demling, 1.11.2018.


Satyrium spini, gefunden an Rhamnus cathartica, thermophile Standorte zwischen Felsen, am Stamm kleiner Sträucher, Deutschland, Bayern, südl. Frankenalb, Umgebung Böhmfeld, 2.11.2018.

Neben Eiern versuche ich aber auch andere Tiere, etwa Spinnen, Asseln, Fliegen, kleinste Käfer usw. mit dieser Technik abzulichten. Jedes Motiv hat seine Herausforderungen.
Schöne Grüße
Steffen

#7 RE: Extreme Makrofotos mit Mikroskop-Objektiv und Motorschlitten - eine Gaudi für den Winter von steffen1978 04.11.2018 21:47

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Schönen Sonntag Abend zusammen,
langsam kämpfe ich mich durch die unterschiedlichen Software Einstellungen und experimentiere weiterhin mit Licht, mit der Schrittweite und der Bildbearbeitung. Das ganze ist zum Teil recht aufwendig, auch wenn vieles nach korrekter Einstellung "fast von selbst geht". Die winzige Schärfentiefe, die schon bei 10facher Vergrößerung nur noch wenige Mikrometer beträgt, ist eben die harte physikalische Nuss. Ich versuche die Anzahl an Bildern (bzw. Fokus-Schritten) nicht zu groß werden zu lassen, da mein armer Computer bei einem Stack mit 300 Bildern (einem Stapel mit 300 Bildern eines Objekts mit verschobener Schärfenebene) ganz schön rödelt. Bis die Bilder aufgenommen sind, vergehen ca 15 Sekunden pro Bild. Die Entwicklung des Bildes (vom raw zum jpeg) dauert ca 30 Sekunden pro Bild. Die Verrechnung, da ich diverse Methoden nutze, etwa nochmal 30 Sekunden. Das macht schon mal rund 6 Stunden. Dann noch die ganzen händischen Korrekturen und man landet bei (im schlimmsten Fall) etwa 7 Stunden pro Motiv. Nicht selten ists dann so, dass man feststellt, dass da etwas daneben gegangen ist und damit beginnt das Spiel von vorne. Egal, man übt vor sich hin und ich denke, man kann den Aufwand sicher auf die Hälfe reduzieren...
Anbei habe ich zwei Bilder von der Grünen Flohrfliege - Chrysoperla carnea, die man derzeit häufig tot an Fenstern findet (eigentlich sollten sie überwintern, aber wenn es, wie bei mir am Dachboden zu trocken ist, gehen sie wohl ein).
Wie man auf den Bildern unschwer erkennen kann, hat der deutsche Trivialname "Goldauge" oder "Goldknopf" seine Berechtigung! Schon faszinierend, welch enorme Wirkung diese winzigen Augen dieser Fliege haben. Man muss die mal "in natura" sehen - die Augen sind wirklich winzig!


Portrait vom Goldknopf


Seitenansicht Kopf + Halsbereich

Schöne Grüße
Steffen

#8 RE: Extreme Makrofotos mit Mikroskop-Objektiv und Motorschlitten - eine Gaudi für den Winter von steffen1978 10.11.2018 00:45

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Guten Abend zusammen,
mit dem nachfolgenden Schuppenkleid eines Polyommatus bellargus f. ceronus (Weibchen) möchte ich dieses Thema von meiner Seite erst mal ruhen lassen. Ich werde im Winter noch einen Bericht über die Technik und meine Erfahrungen anfertigen, aber bis dahin gönne ich mir und Euch erst mal "Ruhe"...


Anklicken macht - wie immer - groß und scharf^^

Schöne Grüße
Steffen

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