#1

Frostiger Winter. Arme Insekten?

in Sonstiges 11.02.2012 09:42
von Papa Papillon (gelöscht)
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«Die armen Schmetterlinge», jammert meine Nachbarin, «die überleben diesen Frost sicher nicht.» Ganz erstaunt nimmt sie zur Kenntnis, dass ich meine Schwalbenschwanz-Puppen bis Ostern hinter dem Haus in einem Kasten unter Schnee und Eis verwahre und mir keine Gedanen mache über die aktuellen Minustemperaturen.
Die anhaltende Kälte macht nämlich nicht allen Insekten gleich zu schaffen. So schlottert etwa der asiatische Marienkäfer und verendet eher als der Gemeine Birnblattsauger. Letzterer hat Heimvorteil. Heimische Insekten haben sich im Gegensatz zu fremden Arten an Frost gewöhnt – auch unbeliebte Schädlinge wie der Borkenkäfer, die Mehligen Apfelblattläuse oder eben der Gemeine Birnblattsauger.
Trotz der klirrenden Kälte werden sie mit grosser Wahrscheinlichkeit den Winter unbeschadet überstehen. Sie suchen sich Verstecke, die sie vor extremer Kälte schützen oder überwintern tief genug im Boden.
«Wir erleben eine normale Kälteperiode – besonders, wenn wir die Jahrmillionen in Betracht ziehen, während denen sich die Schädlinge an solche Temperaturen gut anpassen konnten», erklärt Jörg Samietz, ein Schweizer Insektenforscher, in einem Interview im Schweizer Fernsehen.

Frostschutz im Blut

Dies gilt auch für Käfer, welche sich über den Winter unter die Baumrinde verkriechen. Hartes Winterwetter ist für sie unwesentlich. Die heimischen Käfer sind an tiefe Temperaturen adaptiert.
Die meisten Insekten verharren im Winter in einer Entwicklungsruhe. Ihr Stoffwechsel ist stark reduziert und kommt fast zum Erliegen. Zudem ist das Insektenblut durch eine Art Frostschutzmittel vor dem Gefrieren geschützt. Dieser Schutz hat sich trotz der relativ milden Winter der vergangenen 30 Jahre nicht nach unten angepasst. Dafür sind unsere Winter noch nicht mild genug. Von der Evolutionstheorie her würde dies nur passieren, wenn es sinnvoll für die Nachkommen wäre.
Allerdings wird die Kälte den Arten zu schaffen machen, welche sich mit dem Klimawandel neu bei uns angesiedelt haben. Seit Jahrzehnten gibt es einen Trend von Insekten aus dem Mittelmeerraum in Richtung Norden. So etwas die Grüne Zitrusblattlaus, die Walnuss-Fruchtfliege, die Mittelmeer-Eichenschrecke oder der Grüne Wacholder-Prachtkäfer.
Diese Insekten aus dem mediterranen Raum sind sich nicht an einen harten Winter gewohnt. Mit einem kalten Tag können sie vielleicht umgehen, aber solch tiefe Temperaturen über eine längere Zeit bereitet ihnen Probleme. Ungeliebte Gäste aus Asien
Experten rechnen wegen der Minus-Temperaturen mit einer Dezimierung dieser Populationen. Dies hat auch sein Gutes. Vor allem, weil einige das Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen.

Grosse Probleme verursache etwa die Kirschessigfliege, welche aus Italien eingewandert war, ursprünglich aber aus Asien stammte. Sie bohren ihre Eier in intakte Früchte, vor allem Beeren, aber auch Kirschen.

Das bekannteste Beispiel für neuartige Insekten ist vermutlich der asiatische Marienkäfer. «Er hat sich in ganz Europa stark ausgebreitet und verdrängt den einheimischen Marienkäfer.
Dieser wurde ursprünglich zur Bekämpfung von Blattläusen importiert und eingesetzt. Nun wird die Natur möglicherweise auch dieses Problem selber lösen. Man rechnet damit, dass sich die Blattlauspopulationen im nächsten Jahr reduzieren werden.

Was im Frühling effektiv wieder kreucht und fleucht, ist abhängig vom weiteren Verlauf des Winters. Kommen Insekten zu früh aus ihrer Winterruhe, könnten auch heimische von einem neuerlichen Kälteeinbruch überrascht werden.


Gemütlich und sicher: Das Bild zeigt den heimischen Apfelwickler. Er erträgt im Überwinterungskokon unter der Baumrinde auch Minustemperaturen während mehreren Wochen.

Zusammenfassung eines Gesprächs im Schweizer Fernsehen mit Jörg Samietz, Insektenforscher und Leiter der Zoologie bei Agroscope, und Beat Wermelinger, Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft.



zuletzt bearbeitet 11.02.2012 09:54 | nach oben springen

#2

RE: Frostiger Winter. Arme Insekten?

in Sonstiges 11.02.2012 13:14
von Gelöschtes Mitglied
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Ja, das habe ich mir auch gedacht. Bei uns ist in der letzten Woche der erste Schnee in diesem Winter gefallen. Solange die Temperaturen moderat waren, sah ich darin kein Problem. Sogar die Krokusse und Narzissen waren schon 10cm ausgetrieben, als der Frost kam. Gleich nach dem ersten Frosttag fand ich mehrere tote Falter enlang einer Mauer unter einer Lampe, die offenbar ihren Winterschlaf bereits unterbrochen hatten, und erfroren sind! Nach einer Woche bei Tempertaturen unter - 15°C und ohne Schnee, waren auch die Krokustrieblinge tot. Sind nur mehr Gatsch! Ich mache mir nun ernsthaft Sorgen über die Falter, die ihre Diapause schon unterbrochen oder beendet hatten, bzw. die Puppen, die bereits mit der Entwicklung der Falter begonnen haben.

Mal sehen, ich hoffe natürlich, dass alles nicht ganz so schlimm wird, aber ich mache mir zumindest ernsthafte Sorgen!

Liebe Grüße

Michael


Selbst der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Sturm entfachen!


zuletzt bearbeitet 11.02.2012 13:15 | nach oben springen

#3

RE: Frostiger Winter. Arme Insekten?

in Sonstiges 11.02.2012 18:35
von Papa Papillon (gelöscht)
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Ich glaube auch, dass tiefe Temperaturen gar nicht so großen Einfluß haben. Viel wichtiger für das Überleben ist eine kompakte Kälteperiode. Eine warme Woche an Weihnachten kann viel mehr durcheinander bringen als die aktuellen Frosttage.
In meinem Keller überwintern bestimmt zwei Dutzend Kleine Füchse und Tagpfauenaugen. Alle erstarrt, teilweise in seltsamen Stellungen. Tot? Nein. Ich bin überzeugt, dass sie alle zum richtigen Zeitpunkt erwachen und davonfliegen werden.

Für mich der König der Überlebenskünstler ist der Zitronenfalter, der sich einfach für ein paar Monate an einen Zweig hängt. Eine Art Frostschutzmittel in der Körperflüssigkeit lässt ihn Temperaturen bis -20° Celsius sowie Schnee-Einbrüche in der freien Vegetation überstehen.



Das Bild von Ingo Arndt zeigt einen Falter, der seit November am gleichen Zweig zu besichtigen ist.


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#4

RE: Frostiger Winter. Arme Insekten?

in Sonstiges 11.02.2012 19:28
von Blue-Morpho (gelöscht)
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Hallo Marc,

das Frostschutzmittel der Insekten heißt Trehalose - im eigentlichen Sinn eine Zuckerverbindung.

http://de.wikipedia.org/wiki/Trehalose


LG Frank

„Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein. Sie ist es.“
Robert Walser (1878-1956)


zuletzt bearbeitet 11.02.2012 19:28 | nach oben springen

#5

RE: Frostiger Winter. Arme Insekten?

in Sonstiges 11.02.2012 19:52
von MKE (gelöscht)
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Beeindruckend. So sehr ich mich auch über diese russische Kälte hierzulande ärgere, so freue ich mich, dass sie wenigstens der Insektenfauna nicht schadet, ganz im Gegenteil. Als ich las, dass der Frost die asiatischen Marienkäfer dahinrafft dachte ich mir, um so besser, wird doch immer auf dessen schädlichen Einfluß auf ansässige Ökosysteme hingewiesen.


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