#1

Ein Nachmittag in Eichstätt - Es gibt noch Schmetterlinge Part 2

in Reise-, und Exkursionsberichte, Erzählungen 19.07.2015 12:18
von Heiko70 | 1.951 Beiträge | 16284 Punkte

Hallo liebe Gemeinde,

diesesmal mache ich den Anfang, letztes Mal war ja Steffen der Beginner.

Steffen und ich haben uns letzte Woche entschlossen, in der südlichen Frankenalb, bei Eichstätt, eine Exkursion zu machen. Steffen kannte das Gebiet bereits und so wußte er auch die Hotspots.

Wir verblieben so, daß ich zu Steffen nach Ingolstadt fahre und von dort fuhr dann Steffen weiter nach Eichstätt. So hatte jeder ein Stück mit dem Auto zu fahren. Der Tag begann für mich denkbar ungünstig. Ich fuhr um 10 Uhr los und war gerade mal 15 Minuten auf der Autobahn, da hatte ich den ersten Stau. Neben mir, auf der anderen Seite der Autobahn, krachte es ganz gewaltig und auf meiner Seite entstand dann ein "Gafferstau", der mich einige Zeit und Nerven kostete. Bei morgendlichen Temperaturen von 23° und praller Sonne, die auf mein stehendes Autodach knallte, war das nicht wirklich prikelnd. Nachdem ich mich dann "durchgestaut" hatte gings ziemlich zügig voran, bis kurz vor Ingolstadt, da gabs dann den nächsten zähfließenden Verkehr, wegen Urlaub und Ferienbeginn.
So war ich dann fast 3 Stunden unterwegs, für eine Strecke, die ich eigentlich in knapp 2 Stunden fahren sollte.

Egal, bei Steffen angelangt gabs eine kurze Begrüßung von Steffens Mutter und Bruder, dann einen kurzen Gartenrundgang und dann gings auch schon los. Recht schnell kamen wir dann nach Eichstätt. Die Gegend ist bekannt für fossile Funde und eben auch für gute Faltergebiete.

In Eichstätt angekommen parkten wir direkt am Gebiet, welches wir angehen wollten und schon direkt neben dem Auto ging es los. An einer kleinen Felsenkirsche fand ich schon die erste Raupe von Iphiclides podalirius. Gut getarnt und kaum zu erkennen.



Schnell ein paar Fotos gemacht und weiter gings. Die Sonne schien anfangs noch gnadenlos vom Himmel und in dem Kalksteinkessel ging kein Wind. Auf kürzeste Zeit schnellten die Temperaturen hoch und wir kamen uns vor wie in einem Backofen.
Nach ein paar Metern sahen wir dann die ersten Polyommatus daphnis, zwei Weibchen, für mich zu schnell, aber Steffen konnte Fotos davon machen. Danach konnten wir die ersten Parnassius apollo beobachten, wie sie um Hügelkuppen Kreise zogen.

An Grasstengeln waren Kokons von Zyganidae zu sehen und wir konnten auch Zygaena carniolica beobachten. Im Bild Steffen beim vergeblichen Versuch, einen solchen zu fotografieren.



Nach einer kurzen Strecke, begleitet von fliegenden Apollos und allerhand anderen Faltern, kamen wir zu einem einzeln stehenden Buddleia in voller Blüte. Dort gab es ein Stelldichein von Faltern und Fotografen. Wir standen teils zu Fünft am Strauch und beobachteten die saugenden Tiere. Von Inachis io, Vanessa atalanta, Vanessa cardui über Papilio machaon und Parnassius apollo, bis Hemaris fuciformis waren an diesem Strauch fortwährend 20-30 Falter zu beobachten.



Etwa eine viertel Stunde beobachteten wir das Geschehen an der Buddleia-Bar und gingen dann weiter in Richtung Gipfel. Der Himmel zog sich etwas zu und das Marschieren wurde erträglicher. Während der ganzen Strecke wurden wir von Faltern und Blau-, bzw. Rotflügligen Ödlandschrecken begleitet. Im Bild Letztere.



Am höchsten Punkt angelangt wartete das nächste Highlight, Raupen von Cucullia lychnitis, eine recht seltene Mönchseule, die nur heiße und trockene Gebiete besiedelt. In den Blütenständen der Futterpflanze sind die Raupen kaum zu erkennen.



Von dieser Stelle hatten wir auch einen hervorragenden Panoramablick ins Tal.



Fast an jeder kleinen und unscheinbaren Felsenkirsche, aber auch an größeren Exemplaren, konnten wir Raupen von podalirius entdecken. An einem Blatt hing eine Präpuppe, die durch ihre Zeichnung kaum vom Blatt zu unterscheiden war.



Der Abstieg erwies sich als teils sehr gefährlich, da die Kalksteinplatten recht rutschig waren und unter unseren Füßen auch mal nachgaben. Einmal, zu Beginn der Tour, konnte ich mich nicht mehr fangen, rutschte weg und knallte auf den Boden. Zum Glück war mir und meiner Fotoausrüstung nichts passiert. Steff konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Auch beim Abstieg waren unsere Begleiter Apollos und Heuschrecken, Widderchen und Bläulinge, ebenso wie Edelfalter und Augenfalter.





Polyommatus coridon.



Wir liefen über Stock und Stein, quer durch Gebüsch und Wiesen, was sich manchmal als recht anstrengend erwies. Aber die Strapazen haben sich gelohnt und wiedermal muß ich sagen, unser schönes Bayernland hat noch viele Gebiete die in Ordnung sind und auch geschützt werden.
Das ganze Biotop ist voll von Sedum album, Felsenkirschen, aber auch Bereichen mit Trocken- und Magerwiesen. Dazwischen immer einzelne Salweiden und manch andere Bäumchen, die durch die Trockenheit und Hitze nicht richtig wachsen können.

Am Auto angekommen flog noch einmal ein Apollo an uns vorbei, gerade so, als wolle er uns verabschieden.
Wir fuhren danach noch in ein kleines Biotop, wenige Kilometer entfernt. Nach einem kurzen, steilem Aufstieg, bei dem ich Steffen vefluchte, da meine müden Beine nochmal so in Anspruch genommen wurden, sahen wir dann noch eine Kopula von Zygaena carniolica.



Als obligatorischen Abschluß fuhren wir dann nach Eichstätt in einen Biergarten und resümierten, bei Essen und Getränken, über unsere Tour, die wiedermal alle Erwartungen übertraf. Für mich besonders schön, konnte ich doch erstmalig die Apollos in ihrem angestammten Biotop beobachten und bestaunen.

Viele Grüße, Heiko


Leben ist etwas Seltenes, die meisten Menschen existieren nur. (Oscar Wilde)


zuletzt bearbeitet 27.07.2015 08:57 | nach oben springen

#2

RE: Ein Nachmittag in Eichstätt - Es gibt noch Schmetterlinge Part 2

in Reise-, und Exkursionsberichte, Erzählungen 19.07.2015 20:22
von steffen1978 | 1.154 Beiträge | 28744 Punkte

Hallo zusammen,
Nun, Heiko hat bereits einen Großteil zu unserem Ausflug gesagt, ich werd noch ein paar kleine Ergänzungen beitragen...

Die Plattenkalk-Bänke im Raum Eichstätt sind ca 150 Millionen Jahre alt und weltweit bekannt, denn neben Schmetterlingen wurden dort auch bereits Urvögel (Archaeopteryx) gefunden. Charakteristisch sind Kalkmagerrasen, felsdurchsetzte Hänge und - überwiegend von Menschenhand geschaffen - die Steinbrüche. Während der "natürliche" (d.h. durch Beweidung freigehaltene) Lebensraum des Apollofalters zwischenzeitlich verbuscht/vergrast ist, bilden die Abraumhalden aus den Brüchen ein ideales Ersatzhabitat, welches nur deshalb so erhalten werden kann, da es in Zusammenarbeit mit entomologischen Arbeitskreisen, Expertenbüros (das sind in diesem Fall wirklich Experten!), Naturschützern, Gemeinden, dem Freistaat und den Steinbruchbesitzern (typischerweise sind diese im Privatbesitz) Aktivitäten zum Erhalt des Lebensraumes und damit des Falters (bzw. der Flora und Fauna) gab und gibt. Geld verdienen und Artenschutz lässt sich also durchaus vereinbaren, wenn alle an einem Strang ziehen.

Während die mittlere Frankenalb an den besten Stellen noch ne Schippe artenreicher ist als die südliche (was Tagfalter angeht, Nachtfalter kann ich Kamel nicht von Dromedar unterscheiden^^), so ist zumindest der Apollofalter in der Mitte Bayerns nur noch in der südlichen zu finden. Dieses Jahr scheint es, als käme auch eine (womöglich sogar individuenstarke?) 2te Gen vom Segelfalter dort zu Stande, was mich darauf hoffen lässt, dass ich nächste Woche Falter von machaon, podalirius und apollo am selben Ort entdecken könnte. Wo gibts das noch in Deutschland, wenn man mal von den schönen aber wenigen Weinbaugebieten absieht?

Zurück zu unserem Ausflug...
Als Heiko bei mir in Ingolstadt eintraf (besser gesagt an meinem Zweitwohnsitz, wo sich auch Mutter/Bruder/Freunde zeitgleich tummelten), war er durch die Fahrt schon leicht angepisst, aber mit ner Flasche Cola wurde es dann besser :-) Nach 30 Minuten Fahrt waren wir am ersten Ziel und Heiko schilderte ja bereits, wie es dann schnell zur Sache ging^^ Wie bestellt waren neben den podalirius Raupen auch gleich zwei Damen von P. daphnis zur Stelle, den wie ich finde optisch schönsten Bläuling (ganz ausnahmsweise ist das W noch einen Ticken attraktiver als die M):



Keine hundert Meter weiter der erste Apollo, der die heißen Hänge genüsslich und gekonnt auf und ab segelte. Apollofalter zu beobachten macht eine riesen Freude, denn wenn sie segeln, wirkt es elegant, ja einfach beeindruckend, doch wenn sie landen sind sie tollpatschig. Landen sie auf einer Skabiose, biegt sich diese wegen des Gewichts der Falter oft halb bis zum Boden, was aber einen hungrigen Apollo nicht die Bohne stört. Wenn die mal am Rüsseln sind, dann kannst 2 Meter daneben auch ein Rockkonzert abhalten oder den Steinbruch verlegen, das ist alles egal. Fotos aus 2 cm Entfernung sind problemlos möglich, denn die Falter ignorieren den Menschen völlig :-)

Da es für Heiko das Debüt war, dürfte sich damit ein weiterer Kindheitstraum erfüllt haben:



Für mich war das "Highlight" des Tages ein weiterer Schmetterlingsflieder am Grat zum Hilltoppingplatz, denn als wir dort ankamen, kam eine massive Windböe und 20-30 Schmetterlinge flogen auf einmal auf und mussten gegen den Wind kämpfen - nur einer nicht - ein dicker Apollo saugte gemütlich weiter vor sich hin, egal wie weit der Flieder sich auch durchbiegen musste^^

Alles in allem muss ich sagen, auch wenn ich in letzter Zeit viele Tage und Stunden dort verbracht habe, es ist immer wieder toll und das Gebiet und seine Flora und Fauna ist absolut schützenswert. Viele naturinteressierte Menschen und Naturfotografen sind dort um diese Jahreszeit unterwegs und man findet immer wieder Leute aus allen Ecken Deutschlands für ein wenig small-talk.

Wollen wir hoffen, dass Flora und Fauna dort weiterhin geschützt gedeihen können, denn auch wenn das nun so klingen mag, als ob dort an jeder Ecke eine Rarität zu finden wäre, muss ich ernüchternd hinzufügen, dass man im Gebiet an einem guten Tag wie gestern mit viel Glück ca 20 Paare vom Apollo zählen kann, es also sehr wohl auch auf "den einen" ankommt.



Viele Grüße
Steffen



zuletzt bearbeitet 19.07.2015 20:25 | nach oben springen



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