#1

Schutzstatus einheimischer Insekten

in Umwelt, Natur & Artenschutz 14.02.2016 19:18
von steffen1978 | 1.050 Beiträge | 17759 Punkte

Hallo zusammen,
wie vermutlich hinlänglich bekannt, regeln einige Gesetze den Schutz der (einheimischen) Flora und Fauna. Für Deutschland sind dies das Bundesnaturschutzgesetz, Bundesartenschutzgesetz, dazu weitere europäische und internationale Regelwerke wie die FFH-Richtlinien und das Washingtoner Artenschutzabkommen.
Vereinfacht gesagt existiert ein „Grundschutz“ ohne zusätzliche Einstufung, der in erster Linie einen „vernünftigen Umgang“ mit der Natur sicherstellen soll.

Der betreffende Passus lautet:

BNatSchG § 39 „Allgemeiner Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen; Ermächtigung zum Erlass von Rechtsverordnungen“
(1) Es ist verboten,
1. wild lebende Tiere mutwillig zu beunruhigen oder ohne vernünftigen Grund zu fangen, zu verletzen oder zu töten, …


Dieser Schutz gilt unter anderem auch für alle Schmetterlinge. Was ein „vernünftiger Grund“ im Einzelfall ist, kann ich nicht beantworten. Ohne jegliche Gewähr lehne ich mich aber mal so weit aus dem Fenster, dass ich behaupte: Wenn man Eier oder Raupen solcher Tiere (also ohne verschärften Schutzstatus!) in einer geringen Anzahl zur Aufzucht entnimmt, diese möglichst artgerecht bis zum Falter zieht, die Aufzucht dokumentiert (und ggf. durch Bildmaterial zugänglich macht) und die Falter anschließend in ihrem natürlichen (ideal am Fundort der Raupe(n)) Erscheinungsort wieder entlässt, dürfte dies zumindest keine schwerwiegenden rechtlichen Konsequenzen haben. Sicher bin ich jedoch nicht, denn grundsätzlich erlaubt ist es nicht.

Neben den lediglich „grundgeschützten Arten“ gibt es weitere, die einen höheren Schutzstatus aufweisen. Schlagworte sind „besonders geschützt“, „streng geschützt“, nach „FFH geschützt“, „CITES geschützt“. Typischerweise bauen die Schutzstufen aufeinander auf, d.h. streng geschützte Arten sind auch besonders geschützt, usw… Unabhängig davon, welchen dieser Schutzstufen ein Tier zugeordnet ist, genügt „ein vernünftiger Grund“ nicht mehr, um ein Tier zu fangen, zu entnehmen, es zu besitzen oder gar es zu stören/anzulocken/berühren.

Das bedeutet, vereinfacht gesagt, dass alle Tiere, die einen derartigen Schutzstatus inne haben, ohne entsprechende Genehmigungen nicht gefangen, gezüchtet, getauscht, verkauft oder auch besessen werden dürfen (wie auch immer das in der Praxis bei alten Sammlungen auch aussehen mag)! Zum Teil mag es da Abschwächungen geben, beispielsweise was Totfunde anbelangt, allerdings spielt dies aus meiner Sicht (nahezu) keine Rolle, denn nur sehr selten findet man einen toten Schmetterling (und wenn, dann sieht man es ihm meistens an, dass er bereits tot war…). Einen toten I. io am Dachboden wird man sicher öfter mal finden, einen toten großen Eisvogel zu finden dürfte so wahrscheinlich wie ein Lottosieg sein…

Was bedeutet dies für unser Hobby? Ganz einfach: Es gibt nur eine Chance, legal zu züchten (oder zu sammeln) und die lautet: Ausnahmegenehmigung. Wer eine solche idR zeitlich befristete und örtlich begrenzte Genehmigung hat (Manni, Tipple, Simpli, usw.) darf unter Einschränkungen (je nach Genehmigung) zwar legal sammeln/züchten, jedoch ermächtig eine solche Genehmigung idR nicht automatisch zur Weitergabe der legal gesammelten/gezüchteten Tiere, da der Empfänger keine Genehmigung hat, diese zu besitzen. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Tiere verkauft, getauscht oder verschenkt werden. Dies erscheint zwar auf den ersten Blick paradox, ist aber die einzige Möglichkeit für den Gesetzgeber, das beschlossene Recht wirksam umzusetzen.

Ich schreibe diesen Post nicht, weil ich mich so gern selbst lese, sondern weil wir in der Pflicht sind, unsere jungen Mitglieder davor zu schützen, aus Unwissenheit in die Illegalität zu geraten. Es geht hierbei auch nicht um meine Meinung sondern um darum, dass Gesetzte gelten, die wir alle kennen müssen. Ob diese Gesetze sinnvoll sind steht auf einem anderen Blatt, aber das ist genau dann egal, wenn ein junges (vielleicht nicht so juristisch bewandertes) Mitglied, plötzlich Ärger mit den Behörden bekommt. Dies zu verhindern ist meine Absicht!

Ich fasse kurz zusammen:

1) Wer in kleinen Mengen Schmetterlinge zu Aufzuchtzwecken entnimmt, die keinen höheren Schutzstatus aufweisen (also weder besonders noch streng noch nach FFH oder gar Cites geschützt), muss einen vernünftigen Grund nennen können. Mir fällt es schwer, einen solchen präzise zu definieren, denn was ich für vernünftig halte, muss ein Richter nicht zwangsweise auch für „vernünftig“ halten.

2) Wer Schmetterlinge mit einem höheren Schutzstatus besitzt/züchtet/verschenkt/fängt muss eine Genehmigung nachweisen können.

3) Wer Schmetterlinge mit einem höheren Schutzstatus zum Verkauf/Tausch oder als Schenkung anbietet, muss sicherstellen, dass der Empfänger eine zum Besitz der Tiere berechtigende Genehmigung aufweisen kann.

4) Das Ganze ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern dient als Schutz für unseren Nachwuchs. Dieser Schutz sollte uns wichtiger sein, als unsere Meinung über Regelungen, die nun mal im Gesetz stehen.

Ich werde nachfolgend beginnen, die einheimischen Tagfalter zu nennen, die einen höheren Schutzstatus aufweisen. Selbiges wird für Nachtfalter folgen. Ich weise nochmal darauf hin, dass Arten, die diesen höheren Schutzstatus nicht innehaben, dennoch nicht „nach Belieben gesammelt“ werden dürfen! Es bedarf immer eines „vernünftigen Grundes“.

Viele Grüße,
Steffen


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#2

Schutzstatus einheimischer Tagfalter und Widderchen

in Umwelt, Natur & Artenschutz 14.02.2016 19:20
von steffen1978 | 1.050 Beiträge | 17759 Punkte

Ich beginne nun mit den Tagfaltern:

Tagfalter (plus Widderchen) mit besonderem/strengen Schutzstatus in Deutschland (ob das für Österreich/Schweiz gilt, kann ich definitiv nicht sagen!) sind:

Ritterfalter:
Alle Arten sind mindestens besonders geschützt (Schwalbenschwanz und Segelfalter). Andere weisen einen noch höheren Schutzstatus auf (Parnassius ssp).

Weißlinge und Gelblinge:
Alle Arten der Gattung „Colias“ sind mindestens besonders geschützt. Leptidea morsei dürfte der einzige Weißling sein, der ebenfalls einen erhöhten Schutzstatus aufweist.

Bläulinge und Zipfelfalter:
Cupido osiris ist besonders geschützt, ebenso Glaucopsyche alexis. Alle(!) Arten der Gattungen Lycaena, Maculinea, Plebeius (Plebejus), Polyommatus, Scolitantides und Pseudophilotes besitzen einen erhöhten Schutzstatus! Bitte beachten: auch P. icarus ist besonders geschützt!

Edelfalter und Augenfalter:
Alle Falter der Gattungen: Erebia, Boloria, Apatura, Argynnis, Euphydryas, Limenitis, Nymphalis, Coenonympha sind mindestens besonders geschützt. Des Weiteren auch: Brintesia, Lopinga, Chazara, Arethusana, Brenthis daphne, Lasiommata petropolitana, Hipparchia (alle bis auf H. semele, wer einen in Bayern findet bekommt ein Eis!)

Dickkopffalter:
Alle Arten der Gattungen: Pyrgus und Carcharodus. Dazu Hesparia comma catena.

Widderchen:
Alle Arten der Gattungen Zygaena, Adscita, Jordanita, Rhagades.
(Das Weißfleck-Widderchen A. phegea zählt zu den Bären, ist aber ebenfalls besonders geschützt...)

Bitte beachten: Verbindlich sind die Gesetzestexte. Ein gutes Online Nachschlagewerk ist http://www.wisia.de/FsetWisia1.de.html


Gruß,
Steffen



zuletzt bearbeitet 24.02.2016 23:04 | nach oben springen

#3

Schutzstatus einheimischer Nachtfalter

in Umwelt, Natur & Artenschutz 24.02.2016 19:24
von steffen1978 | 1.050 Beiträge | 17759 Punkte

Besonders/streng/FFH geschützte Nachtfalter in Deutschland sind -nach "gewöhnlichen" Gruppen- sortiert, folgende Arten:


Schwärmer (2 Arten sind streng geschützt!):

Alle Arten der Gattungen Hemaris, Hyles, Proserpinus.



Spinner, Glucken, Bohrer, Bären (20 Arten sind streng geschützt!):

Alle Arten der Gattungen: Arctia, Lemonia, Eriogaster (Ausnahme lanestris), Gastropacha, Malacosoma (Ausnahme neustria), Nola, Orgyia (Ausnahme antiqua), Phyllodesma, Setina.

Zudem:

Cycnia sordida, Heterogynis penella, Hyphoraia aulica, Lamellocossus terebra, Ocneria rubea, Paidia rica, Parocneria detrita, Pericallia matronula, Rhyparioides metelkana, Chelis maculosa, Amata phegea, Calliteara abietis, Pentophera morio, Rhyparia purpurata, Watsonarctia casta, Graellsia isabellae, Euplagia quadripunctaria, Catopta thrips.



Eulen (43 Arten sind streng geschützt!):

Alle Arten der Gattungen: Catocala, Cucullia, Shargacucullia.

Zudem:

Acontia lucida, Acosmetia caliginosa, Actinotia radiosa, Amphipyra livida, Anarta cordigera, Aporophyla lueneburgensis, Calyptra thalictri, Cleoceris scoriacea, Eremobina pabulatricula, Eucarta amethystina, Euchalcia consona, Euxoa lidia, Euxoa vitta, Gortyna borelii , Hadena irregularis, Hadena magnolii, Heliothis maritima warneckei, Lamprosticta culta, Lithophane lamda, Luperina dumerilii, Meganephria bimaculosa, Nycteola degenerana, Panchrysia deaurata, Periphanes delphinii, Polymixis polymita, Polypogon gryphalis, Pyrois cinnamomea, Schinia cardui, Sideridis lampra, Simyra nervosa, Spaelotis clandestina, Spudaea ruticilla, Syngrapha microgamma, Trichosea ludifica, Valeria jaspidea, Xanthia sulphurago, Xestia sincera, Yigoga forcipula, Conistra veronicae, Orbona fragariae, Aporophyla nigra, Polymixis gemmea, Stilbia anomala, Valeria oleagina, Xylomoia strix, Xestia brunneopicta, Xestia borealis, Polymixis rufocincta isolata, Arytrura musculus, Dioszeghyana schmidtii



Spanner (17 Arten sind streng geschützt!):

Alcis jubata, Artiora evonymaria, Carsia sororiata, Chariaspilates formosaria, Cleorodes lichenaria, Dyscia fagaria, Epirranthis diversata, Fagivorina arenaria, Hypoxystis pluviaria, Idaea contiguaria, Odontognophos dumetata, Scopula decorata, Scopula tesselaria, Scotopteryx coarctaria, Synopsia sociaria, Tephronia cremiaria, Tephronia sepiaria, Arichanna melanaria

---------------------------------------------------------------------------

Man beachte, dass bei unseren einheimischen Tagfaltern zwar viele besonders geschützt sind, jedoch nur ca 23 Arten streng geschützt sind. Unter den Spannern sind 18 Arten besonders geschützt, wovon 17 auch streng geschützt sind. Auch unter den Eulen ist ein Großteil der Tiere, die besonders geschützt sind, auch streng geschützt (immerhin 43 Arten).

Informationen, nach welchem genauen Muster diese Unterschutzstellung erfolgte, konnte ich nicht finden. Einige Arten erscheinen "logisch", da sie einerseits selten sind und andererseits auch spezielle Bedürfnisse an den Lebensraum stellen. Andere Arten, wie etwa P. icarus, scheinen vermutlich einfach nur deshalb unter Schutz zu stehen, weil man die Gattung als Einheit (der Einfachheit halber?) unter besonderen Schutz gestellt hat. Wieder andere, wie die Gattung Melitaea, stehen offenbar nicht unter besonderem Schutz, aus welchem Grund auch immer. Aber gut, mir ging es darum, eine Information zu bieten, bewerten kann die jeder selbst.

Viele Grüße,
Steffen



zuletzt bearbeitet 24.02.2016 19:32 | nach oben springen

#4

Zum Thema Schwalbenschwanz-Schutz.

in Umwelt, Natur & Artenschutz 21.03.2016 22:19
von Papa Papillon | 3 Beiträge | 16 Punkte

Der Schutzstatus nützt dem Schmetterling nichts.

In der Beilage ein Aufruf, diesen Falter im Garten zu pflegen, die Raupen zu füttern und zu züchten!

Das ist aber nach deutschem Recht verboten…


Dateianlage:


zuletzt bearbeitet 21.03.2016 22:25 | nach oben springen

#5

RE: Zum Thema Schwalbenschwanz-Schutz.

in Umwelt, Natur & Artenschutz 22.03.2016 07:01
von hall | 1.002 Beiträge | 6836 Punkte

Hallo Marc,

über den unsinnigen Schwalbenschwanz-Schutz in Deutschland ärgere ich mich immer wieder oder ich muß nur lachen.
In der Umgebung meines Wohnortes (Umgebung Innsbruck) werden großflächig Karotten und auch Fenchel angebaut.
Ich sammle jedes Jahr im September mehr oder weniger viele Machaon-Raupen ein und züchte sie fertig. Die Falter lasse ich dann im Frühjahr fliegen.
Auf einem Fenchelfeld direkt vor meinem Haus fand ich einmal binnen weniger Tage ca. 60 erwachsene Raupen. Bei der Ernte werden jedes Jahr hunderte Raupen/Puppen eingeackert. Ich nehme an in Deutschland ist es auch nicht anders.
Dazu kommt noch daß auch die letzten Rückzugsgebiete (Straßenböschungen) von Gemeindemitarbeitern mit diversen Mähwerkzeugen
bearbeitet werden und alles kleingehäckselt wird.

Werner


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